#iDEntität – Erfahrung und nochmal Erfahrungen

Wir jagen von einer (Dauer-)Krise in die nächste und haben immer mehr das Gefühl, die Orientierung und die bisherige Sicherheit zu verlieren. Geht es Ihnen auch so? Dann lesen Sie weiter und schauen Sie sich noch einmal um in dem Land, in dem Sie – vermutlich – leben. Denn hier kommt die neueste Krisendiagnose: Deutschland befindet sich in einer ausgewachsenen Identitätskrise.

Letzte Woche ist die deutsche Fußballnationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Quatar bereits nach der Vorrunde ausgeschieden. Das ist zum ersten Mal 1938 passiert und zuletzt 2018 in Russland. Folgende Dinge fallen mir dazu mehr oder weniger spontan ein: Was ist das Wesen einer Mannschaft oder eines Kollektivs? Was ist von 2005 bis 2021 in unserem Land und um uns herum passiert? Wie wurde auf das Ausscheiden 2018 reagiert? Wie entsteht eigentlich ein Gefühl von Sicherheit und welche Bedeutung hat Ungewissheit im menschlichen Dasein? 

Vor einigen Wochen merkte ich inmitten von Fragen zu Krieg, weiter explodierenden Preisen von Lebensmitteln und Energieversorgung sowie offenbar immer tieferen Gräben innerhalb der Gesellschaft, dass die Menschen in unserem Land zwischen Orientierungslosigkeit und natürlicher Ungewissheit scheinbar zerrieben werden. Menschen brauchen immer eine Perspektive für ihr Dasein und Handeln. Letzteres basiert auf gemeinsamen Werten und Verständigung – auch und vor allem, wenn Grenzen überwunden werden müssen. In internationalen Verhältnissen und in der Arbeit zum Beispiel mit multinationalen Projektteams wird das sehr deutlich [Lesetipp: The Culture Map].

Was ist ein kollektives Trauma und was hat der Ukraine-Krieg damit zu tun?

Wie kann also in Beziehungen, in Gruppen und innerhalb einer Gesellschaft eine Verständigung gelingen, wenn darin für Menschen kulturell, individuell oder geographisch unterschiedliche Verhaltensgrundlagen bestehen? Oder wenn gar persönliche oder kollektive Traumata aufgelöst werden müssen?

Der Zweite Weltkrieg hat für Deutschland für sein Selbstverständnis und das Verhältnis zu den europäischen Nachbarn bis heute einen wesentlichen Einfluss und bedeutet noch immer eine Hypothek für die Menschen und das Land. In Krisen kommen ungelöste Probleme, verdrängte Emotionen und ignorierte Entwicklungen immer an die Oberfläche. Je mehr unterdrückt oder ignoriert wurde, desto heftiger die Wechselwirkung. 

Selbst wenn sich das Ansehen und Selbstverständnis Deutschlands nach dem Krieg und speziell auch ab 2006, und hier sind wir wieder beim Fußball, nach und durch die Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land, sehr positiv verändert hat, zeigt sich spätestens durch gegenläufige Erwartungen an Deutschland – intern und extern – im Zuge des Ukraine-Konflikts, der im Übrigen spätestens bereits 2014 begann, dass das kollektive Trauma aus dem Zweiten Weltkrieg und die ungelösten Schuld- und (Mit-)Verantwortungsfragen sowie gesellschaftspolitisch und -rechtlich vernachlässigte oder nicht gewollte Themen und Prozesse (zum Beispiel auch eine neue bzw. gesamtdeutsche Verfassung) nun nicht mehr unter der Decke gehalten werden können und in ihrer Fülle zu kaum etwas anderem als Überforderung und Neuorientierung führen können.

Wer bin ich und was ist deutsch?

Nochmal zurück zum Fußball. War die Mannschaft so schlecht, hat sie als Kollektiv nicht funktioniert, haben sich die Rahmenbedingungen, also zum Beispiel die Qualität der globalen Wettbewerber, gravierend verändert oder haben die gesellschaftspolitisch- und sportpolitischen Aspekte zu viel Aufmerksamkeit und zu wenig Fokus auf den eigentlichen Sport verursacht? War der Umgang mit den durch die Mannschaft vertretenen Werten am Ende gar typisch deutsch (Stichwort Doppelmoral)? Was ist dann typisch deutsch und inwieweit hat das mit Siegermächten nach 1945, die sukzessive Rückkehr in die internationale Staatengemeinschaft zu tun und was können Deutsche und deren Regierung aus dem Scheitern der deutschen Elf lernen?

Leben ist Veränderung, was ist (deutsche) Identität?

Eine mögliche Definition von Identität ist die Summe aller Lebenserfahrungen (eines Menschen). Zu unseren Erfahrungen gehört dann auch, dass als negativ empfundene Ereignisse, Scheitern und Misserfolg in der Regel einen guten bzw. hilfreichen Wesenskern besitzen. Mit anderen Worten: wir lernen etwas aus der Niederlage. Wie das Wort bereits nahe legt, kommt nach dem Niederlegen natürlicherweise das Aufstehen oder Wiederaufnehmen. Doch dazu ist es erforderlich, den Finger in die Wunde zu legen und wenn es sein muss, auch die ganze Hand. 

Zwischen 2005 und 2021 haben wir uns (gesellschafts-)politisch im Kreis gedreht. Ein Politikstil, der vor allem durch Machterhalt und Verwaltung vom Status Quo gekennzeichnet gewesen ist, ist selbstredend nicht in der Lage, neue Perspektiven zu eröffnen und Menschen grenzüberschreitend zusammen zu führen, geschweige denn das Land und seine (kulturelle) Identität im Wandel zu begleiten oder gar zu führen. 

Nun greift Politik immer auch auf vorhandene Strukturen, Mentalitäten und Kulturgefüge zurück. Idealerweise würde Politik einen Wandel moderieren. Dagegen spricht allerdings allein schon die immer noch vorherrschende politische Rhetorik. Und vor allem der eigene (Macht-)Erhalt. Von innen heraus lässt sich ein Gefüge oder eine Organisation nicht aufbrechen und reformieren. Sinnbildlich wird das bei einem Blick auf die beiden Begriffe Parteipolitik und Sachpolitik. Wer an etwas wider besseres Wissen festhält, bloß weil die eigene oder Parteilinie das so vorgibt, der vergibt nicht nur Zukunftschancen, sondern untergräbt und verliert sukzessive damit auch die eigene Glaubwürdigkeit. 

Glaube und Würde. Und Vertrauen. Ohne diese Zutaten gibt es kein natürliches Wachstum und keine Veränderung. Wirtschaftliches Wachstum ist ein anderes Feld und doch eng mit den immer wiederkehrenden Krisen verbunden. Sind der Deutsche und die deutsche Wirtschaft nur etwas wert, wenn sie Exportweltmeister sind? Dürfen Menschen in Deutschland nur stolz sein, wenn die DFB-Elf Weltmeister wird? Kann man auf den größten Sportverband der Welt stolz sein, wenn er seit vielen Jahren strukturelle Reformen verschlafen und ständig die Steuerfahndung zu Gast hat? Und kann es Zufall sein, dass die ehemalige Kanzlerin sich (im Erfolg) gerne mit der Mannschaft hat ablichten lassen?

Das Wunder von Bern

Machen wir nochmal einen Schritt zurück. Wir blicken in das Jahr 1954 und auch zur Fußballweltmeisterschaft, damals in der Schweiz. Abgesehen davon, dass die mediale Berichterstattung spätestens seit 2014 den Fußball in Deutschland auf ein Podest gesellschaftlicher Bedeutung gehoben hat, so dass alles unterhalb von Welt- oder Europameister schon per se alles als Versagen und Misserfolg erscheinen lassen muss, hat Fußball eben seit 1954 eine enorme Verankerung in der deutschen Gesellschaft und für das deutsche Selbstverständnis erfahren. Mir fällt auf anhieb nur ein Land ein, in dem Fußball eine größere oder ebenso große Bedeutung hat. Bezeichnenderweise wurde dort 2014 mit urdeutschen Tugenden und gleichzeitig der Leichtigkeit von Multikultur und modernem Spiel der größte Titel in diesem Sport errungen. O jogo bonito – das schöne Spiel. In diesem Fall dann für die Brasilianer (im Halbfinale) eher ein Kollektivtrauma.

Leidenschaft, (Bewegungs-)Talent und (Spiel-)Freude sind wohl in keinem anderen Land so im Übermaß vorhanden, wie in Brasilien. Fußball ist trotz aller Schattenseiten des modernen Spieler-, ja quasi Sklavenhandels definitiv ein wesentlicher Teil der brasilianischen Kultur und damit auch der Identität von Land und Menschen. 

Die Bedeutung des Fußballs für die deutsche Identität kann ohne das sogenannte Wunder von Bern gar nicht ermessen, beurteilt oder eingeordnet werden. Gerade die nach dem Krieg und in diesem Turnier in der Schweiz wieder- oder neugefundenen Deutschen Tugenden scheinen aktuell sowohl der Nationalmannschaft, als auch der Gesellschaft abhanden gekommen zu sein. Wille, Fleiß, Aufstehen, Kämpfen und niemals aufgeben. Wenn man keine guten Karten bzw. Spieler hat, trotzdem das Spiel gewinnen und die nächste Runde erreichen. 

Mit Geld bekommt man(n) alles kaputt

Sind diese Tugenden generationsbedingt verloren gegangen, nur überlagert und welche Tugenden konnte die Weltmeister-Mannschaft von Rio de Janeiro auf sich vereinen? Wurde die Mannschaft anders geführt und war es nicht auch so, dass die Gruppe über acht Jahre hinweg reifen, scheitern und ohne zusätzliche Motivation weiter nach dem großen Ziel streben durfte? 

Wenn es danach geht, kann der Weltmeister am 18. Dezember 2022 fast nur England heißen. Zweifellos könnte das Land oder das, was noch davon übrig ist mehr als nur eine Neuorientierung gebrauchen und unabhängig davon, dass die Three Lions bereits letztes Jahr nur denkbar knapp im Europameisterschaftsfinale gescheitert waren, spricht man 2050 mit Blick auf 2022 vielleicht bald vom Miracle of Doha. 

Who knows? Zum sinnvollen Umgang mit der Unsicherheit sei zum Abschluss (noch einmal) folgende Lektüre einer deutschen Philosophin empfohlen: The Cunning of Uncertainty von Helga Nowotny. Was diese Gerissenheit der Ungewissheit ausmacht, ist gleichzeitig auch die Würze des Lebens. Machtkontrolle und Erfolgs- und Statuserhalt sind da kontraproduktiv und führen im Ergebnis nur zu (kollektiven) Ängsten. Loslassen hilft und ist ohnehin unvermeidlich, denn alles andere führt zu Bewegungs- und Flexibilitätsmangel sowie struktureller Erstarrung. 

In diesem Sinne kann man der künftigen deutschen Mannschaft und dem deutschen Volk nur wünschen, sich selbst zu begegnen, die Vergangenheit im Guten wie im Schlechten zu ehren und mit Mut aus der Gegenwart heraus die Zukunft zu gestalten. Und seien wir doch mal ehrlich: die Globalisierung hat viele positive und negative Aspekte und Auswirkungen. Sie hat Einfluss auf das nationale Selbstbild und sicherlich auch Zugang zur nationalen Identität. Nichtsdestotrotz hat sie auch Grenzen: bildlich, inhaltlich und geographisch. Am Ende sind es die Unterschiede, die uns verbinden. 

Sicherheit entsteht aus Vertrauen und Beziehung(en)

Das bereits oben erwähnte Thema Trauma (Griechisch für Wunde) ist für sich schon ein kleines Universum. Was ich dem Vorangestellten hier jedoch verbindend hinzufügen möchte, ist der Blick auf das Erlangen und Entstehen von Sicherheit. Das hat viel und vor allem mit Bindung zu tun. Nicht zuletzt ist eine Art von Trauma auch das sogenannte Bindungstrauma, welches in enger Verbindung zum Entwicklungstrauma steht. Das „Gegengift“ ist in beiden Fällen Sicherheit, denn ohne Sicherheit ist alles nichts. Im Fußball wäre das eine gute und bezeichnenderweise sichere Abwehr. Hier werden die Spiele gewonnen und darum geht es: das Spielerische wiederzufinden, zu fördern und zu pflegen. 

Im Negativen kann Sicherheit durch Kontrolle und Verleugnung, im Positiven durch Vertrauen und Beziehung entstehen und erhalten werden. Die ersten beiden Varianten führen im Ergebnis natürlich nur zu einer Pseudo-Sicherheit. Und es liegt auf der Hand, warum sich die immer gleichen und wesentlichen Begriffe wiederholen: Kontrolle, Macht, Verwaltung, Veränderung, Bewegung, Trauma, Beziehung, Kollektiv, Vertrauen. Mut.

Dazu würde ich auch Lob zählen und damit auch die Fähigkeit des Lobenden, das Gute im Schlechten zu erkennen. Kein Mensch kann ohne Lob wachsen. Weder an der aktuellen Lage unseres Landes, noch am oder im Spiel der deutschen Nationalmannschaft.

Wie wäre es im ersten Schritt damit, statt global wieder mehr deutsch zu sprechen, statt zum Beispiel Move wieder Bewegung zu sagen und statt Follower zu sein, wieder sich selbst zu folgen, und damit der eigenen Nase, dem eigenen Denken und der eigenen Identität. Als Deutscher und vor allem auch als Mensch. Mit allem Licht und allem Schatten in jedem von uns. Vor allem aber mit den wesentlichen sechs Kategorien, die Max Lüscher so schlüssig aus seiner Psycho-Logik und Regulationspsychologie abgeleitet hat: Aufgeschlossenheit, Wohlwollen, Toleranz, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit und Vertrauen. Diese Kategorien sind empirisch belegt kultur- und grenzübergreifend gültig und für jeden Menschen in jeder Situation kostenlos verfügbar. Der Schlüssel liegt in der Neugier und damit in der Aufgeschlossenheit. Sie ist das „elfte Gebot“.

Das Glas ist immer halbvoll  

Es gibt bei der Betrachtung des mit Wasser zur Hälfte gefüllten Glases entgegen der landläufigen Meinung auch noch eine dritte Variante: man kann es nicht nur als halbvoll oder halbleer, sondern auch als halb geleert betrachten und sich darüber freuen, dass man die erste Hälfte trinken durfte und bildlich gesprochen erleben und nutzen konnte. Dankbarkeit ist eine große Kraft und klärt den Blick für das Wesentliche.

Das Leben und die Menschen wären langweilig, wenn sie alle gleich und nahezu identisch wären und ihre Identität würden sie so natürlich komplett verlieren. Da ist im Vergleich dazu das halbvolle deutsche Identititätsglas doch aktuell auch eher als ganz voll zu betrachten. Die Frage Wer bin ich? jedenfalls stellt sich jedem ein Leben lang. Spannend ist und bleibt aber, wie sich die Antworten verändern, wenn wir es zulassen. 

Alles nur eine Frage der Erfahrung. Oder?

Schreibe einen Kommentar