Wo soll das hinführen?

Um flexibel und angemessen auf Veränderungen reagieren zu können und grundlegend maßvoll zu agieren, sind Anpassungen in der Zielsetzung und im Gesamtkonzept nicht nur sinnvoll, sondern zwingend. Inwieweit Ziele und (Jahres-)Pläne sinnvoll sind und wann und wie sie zum Hindernis werden können, darüber kann man diskutieren. Wo jedoch der Sinn und das vermeintliche Ziel völlig abhanden gekommen sind oder gar erst überhaupt nicht existiert haben, dort hätte von Anfang an und regelmäßig immer wieder die Frage stehen müssen: Wo soll das hinführen?

Regelmäßige Bestandsaufnahme

In der aktuellen Lage haben wir auf dem Papier mehr Zeit, um Dinge zu tun, die in der Hast des Alltags und oftmals auch im Urlaub zu kurz kommen. Lesen, Kochen und Sport werden da sicher mit am häufigsten genannt werden. Warum nehmen wir uns sonst keine Zeit dafür? Und warum wollen plötzlich Menschen Joggen, die Laufen bisher als den Inbegriff der Langweiligkeit und Ödnis betrachtet haben?

Zum einen verhindert das, sich mit sich selbst auseinander setzen zu müssen. Endloses Serien-Schauen etwa entfernt bei falscher Dosierung den Betrachter noch weiter von sich und wird damit zum Nullsummenspiel, anstatt Ergänzung, Abwechslung oder Inspiration zu sein. Und wieder die Frage: wo soll das hinführen?

Im Beruf wird in der Regel häufiger, verbindlicher und strategischer geplant als im Privatleben. Das liegt in der Natur der Sache. Egal, ob Sie Projektleiter in Festanstellung, selbständiger Berater oder Ladeninhaber sind: sie starten mit Zahlen, Zielen und Plänen in das Projekt oder Geschäftsjahr. Mit Entscheidungen, Erwartungen, Verpflichtungen und Terminen. Gleichen Sie Erstere regelmäßig mit der Realität ab und haben Sie dabei schon Zielkonflikte erlebt? Wie reagieren Sie dann, wie gehen Sie mit der neuen Situation um?

Über Sinn und Unsinn von langfristigen Zielen und Plänen:

It doesn’t have to be crazy at work, Jason Fried und David Heinemeier Hansson

Wenn wenig oder gar keine Fragen mehr gestellt oder auch grundlegende Gewohnheiten und Vorgehensweisen in Frage gestellt werden, dann befördert das Betriebsblindheit, Unsicherheit und Konformismus. Eine ehrliche, regelmäßige Bestandsaufnahme ohne Tabus und Denkschablonen hingegen befördert Mut, ein Gefühl von Sicherheit, Lebendigkeit und Beweglichkeit.

Bewegung und Beweglichkeit

Zum anderen ist ein ausgleichendes Element in Zeiten von Krise und Stillstand natürlich die Bewegung. Im Gegensatz zur Beweglichkeit kommt es dabei vor allem auf Rhythmus, Regelmäßigkeit und Dosis an. Wer sich nicht mehr bewegt, sei es geistig oder körperlich, ist tot.

In all dem schwingt natürlich ständig die Motivation mit. Als Grundmotivation, als Antrieb für das Erreichen eines Etappenziels und als übergeordnetes Paradigma eines Systems, Projektes oder Produktes. Und im Leben.

Hinzu kommen Antrieb, Freude und Belohnung. Was aber, wenn der Antrieb ins Leere läuft und sich auf den Trieb reduziert? Wenn die Freude nur noch oberflächlicher Spaß ist und die Belohnung in Status, Ruhm und Besitz endet?

Mit Sicherheit wurde dann die titelgebende Ausgangsfrage weder anfänglich noch zwischendurch gestellt.

Was ist Gier?

Seit ein paar Jahren leben wir im postfaktischen Zeitalter. In einer globalisierten, zunehmend digitalisierten Welt. Wir fragen uns vermehrt: was kommt nach der Demokratie?

Wir tauschen Privatsphäre gegen Bequemlichkeit und Gesundheit gegen Technik. Ironischerweise soll uns diese Technik in der Isolation einer Pandemie miteinander verbinden. Obwohl wir seit Jahren beobachten können, wie Geschäftsmodelle soziale Netzwerke zu asozialen Organisationen werden lassen und einige wenige „Große” das Geschehen diktieren und mitunter auch manipulieren. Sie schaffen sich Aufgaben und Märkte aus reinem Selbstzweck und auch hier kommt die Frage, allerdings nunmehr als grundlegende Systemfrage: wohin soll das führen?

Die zunehmende, konsumimmanente Gier ist nichts anderes als innere Leere. Sie ist Ausdruck von Sinnentleerung, Selbstentfremdung und Mangel an Verbundenheit mit sich selbst und anderen. Wirksame Gegenmittel sind unter anderen: Innehalten, Empathie, Entschleunigung, Eigenverantwortung und Gemeinsinn.

In einer globalisierten Welt und vor allem Wirtschaft kommt es dabei ständig zu Missverständnissen, deren Gründe man erst einmal erfassen und begreifen muss. Dabei kennt sie doch jeder mehr oder weniger aus eigener Erfahrung aus dem eigenen Land: ein Norddeutscher etwa, der aus seinem Kulturraum im Skiurlaub in Bayern den dort gesprochenen Dialekt, die innewohnende Kultur und das Verspeisen einer Weißwurst erst (kennen)lernen und üben muss.

Ein sehr erhellendes und unterhaltsames Buch über kulturelle Unterschiede in einer globalisierten Berufswelt:

The Culture Map, Erin Meyer

Gemeinsinn und Gemeinwohl

Das wirklich verbindende Element der aktuellen Coronakrise ist die globale Erkenntnis, dass in der Globalisierung immer noch Menschen und das Zwischenmenschliche das Wichtigste sind. Die gesellschaftlichen Reaktionen auf das omnipräsente Virus führen uns vor Augen, worauf es ankommt und wofür es keinen Ersatz gibt: Verbundenheit, Körperlichkeit, Anfassen und echtes Teilen.

Wer zu bequem wird und glaubt, im Internet kann man auch die eigene Meinung herunterladen, der ist bereits zur Geisel der technischen Selbstreferenz geworden. Was früher Tittytainment war, ist heute durch das Smartphone, Streaming und andere Devices und Gadgets die selbstverwaltete Tyrannei eines Systems, das selbstredend keine Antwort auf die Frage geben kann, die immer wieder gestellt werden muss. Und der sich jeder einzelne Mensch regelmäßig stellen muss.

Vom Gemeinwohl profitiert jeder Einzelne. Doch Gemeinsinn muss wie vieles andere auch immer wieder geübt und praktiziert werden. Damit ist sowohl der gesunde Menschenverstand gemeint, als auch Verständnis und Einsatzbereitschaft für die Allgemeinheit.

Wir können es drehen und wenden wie wir wollen: wir sind alle miteinander und mit unserer Umwelt verbunden. Es ist lange Zeit, daraus ein „Geschäftsmodell” zu machen, an dem alle verdienen.

Ich wünsche Ihnen einen besinnlichen Ostermontag und uns allen Gesundheit, Klarheit, Beweglichkeit, noch mehr Gemeinsinn und reichlich eigenes Denken und Handeln!

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